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RUNDFUNK-TECHNIK und TONSTUDIO-Technik, alt und ganz alt

Begonnen von hanns-d.pizonka, Montag, 04.September.2006 | 12:54:20 Uhr

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hanns-d.pizonka

Hallo von Oldie zu Oldie,

es könnte ja einige wenige Liebhaber der sehr alten "Rundfunk"-Technik geben, die vielleicht noch mit den Universal-Verstärkern V72 im Pult und den Pegelstellern W60 oder W85 unter den Fingern gross an Wissen und tontechnischen Fähigkeiten wurden (kann ja sein) oder gar mit der 40er-Reihe arbeiten mussten. Beim sortieren meiner "kleinen" Teile und Geräte fällt mir ein Pegelsteller in die Hände, der auf der Frontseite den gravierten Text "W44a", "Aussteuerung", "dB", "Aus" und die Ziffern "0 6 12 18 24 30 36 42 60" trägt. Das ganze Teil zeigt sich in unauffälliger schwarzer Lackierung ohne (sic!) dass Text und Ziffern abfgegriffen oder gar verschwunden sind, nach etwa fünfzig bis sechzig Jahren an Lebenszeit.

Bevor auch hier eine (nutzlose) Diskussion über Wortbedeutung und Inhalt der Worte beginnt: Der von mir als Autor sehr geschätzte Johannes Webers lässt sich in seinem Buch:
Tonstudio-Technik (3. Auflage, Franzis-Verlag München, 1979, ISBN 3-7723-5523-4)
von Seite 246 bis 255 sehr informativ über Pegelregler aus; obwohl es doch eigentlich "Pegel-Steller" heissen müsste. Aber bei den Werkzeugen des täglichen Lebens in der Reparaturwerkstatt sagt auch nur der überkandidelte Besserwisser "Schraubendreher" anstatt "Schraubenzieher". Deutsche Sprache ist "schwähre" Sprache.

Mein Drang nach Wissen hat bei dem einzigen mir vorliegenden W44a den Griff zum Schraubenzieher (haha - gefangen) erfordert und etliche Kratzerei, damit der Schraubensicherungslack uns einen kleinen Blick/Foto auf das Innenleben erlaubt. Da ich dieses Zeug schon seit eingen Jahrzehnten von innen kenne, leider nie die Gelegenheit wahrnehmen konnte die inneren Widerstandswerte ( eine Kreuz-Knobel-Schaltung aus H- und Pi-Regler) aufzunehmen, frage ich hier und heute: wer kann Schaltbild aus dem Braunbuch für einen PEGELSTELLER aus der W-Reihe hier veröffentlichen (oder mir per PM schicken, ich stelle es dann mit Erklärung und Kommentar in diesen Thread)?

Hier braucht man übrigens NIE Kontakt-Irgendwas, es kratzt und raschelt auch heute sicher nicht (das Pult/der Rahmen fehlt mir für den Test) wie bei einem hochohmigen popeligen Schicht-Potentiometer. Leider sind auch bei Geräten des Herrn Mark Levinson (wie ein ML-1) nach weniger als zwei Jahrzehnten die hübschen teuren Potis verschlissen. Für mich ist genau das der Grund gewesen (die Freiheit der Wahl hatte ich), meine beiden Otaris MX-55 ohne VU-Meter-Pegel-Schalt-Kram-Mist und das ganze Leitungsdedöns in meinen Sammlerbestand zu nehmen (und damit zu spielen).

Und hier der Fotozusammenschnitt von innen und von aussen eines Pegelstellers W44a.

MFG
H A N N S -D.

P.S.
Wenn jemand einen V72 kennen lernen möchte, die notwendige Fotosession dafür nimmt leider mehr als zwei Stunden Zeit in Anspruch; mit ein bisschen Bla-Bla dazu; habe ich auch gerade in der Hand, mein Gott ist das Ding schwer, drei Trafos machen Masse und Gewicht. 

PhonoMax

#1
Lieber Hanns-D.,

da tust du dem biederen Schichtpoti aber doch ein bisschen Unrecht, denn unten erzähle ich eine kleine Geschichte aus der 'lebendigen Praxis', die mir jene prominente Persönlichkeit zugetragen hat, die du erwähnst.

Grundlegend:
Schiebesteller kommen bei der Reichsrundfunkgesellschaft auf, selbst wenn man da auch noch häufig über Drehsteller arbeitete. Nur: Mehr als anderthalb Drehsteller mit einer Hand gemeinsam zu bewegen, ist halt beim besten Willen nicht zu machen. Das geht aber mit dem jetzt neben mir liegenden W24a der Berliner RRG-Hoflieferanten Konski & Krüger, die auch das Urbild von Hans Eckmillers legendärem Lautsprecher O15 anfertigten. Keine Frage ist daher (?), dass die W24 -wie später Hans Eckmillers Schiebesteller- auch in Stufen ein aus Drahtwiderständen gewickeltes Netzwerk abgriffen. Das war nun zwar sehr genau, kanalweise praktisch gleich, prasselte aber natürlich bei mangelhafter Kontaktwartung auch leidenschaftlich. (Siehste!, nicht nur die Prehs oder Pihers von 1982 lärmen!)

Doch gemach: Rundfunk und Film (am Set) arbeiteten noch länger mit Rundstellerpulten, deren Steller aber auch geschaltete Widerstandsnetzwerke besaßen. Man sah ja auf Solidität.... Und da gab's die Prasselei dann natürlich auch zum Nulltarif, und die schlechte Wartung erst recht, da das Pult nach Gebrauch und ohne Hinweis schnell im Regal des Gerätelagers abgestellt wurde: Nach mir die Sintflut, man kennt das; soll der nächste doch auch noch seine Freude haben.

Nur einmal, so erzählte mir der von dir erwähnte J. W., der den Hf-lern von der Schippe gesprungene Grandseigneur der Töne im deutschen Film, da habe der Hersteller ein Ersatzpoti über Monate nicht liefern können, weshalb er -J. W.- sich höchstselbst zur Firma Holzinger begeben habe, damals noch am Münchener Marienplatz ansässig, um ein handelsübliches Kohleschichtpoti (Preh oder Ruwido....) für eins-fuffzich (Alt-Mark, nicht Euro....) zu erwerben, das seinerseits (bis auf weiteres...) nicht prasselte. Das merkte der Betrieb natürlich recht schnell: "Was ist denn das für ein Pot, das du uns da eingesetzt hast, so etwas brauchen wir unbedingt, das ist der Fortschritt, auf den wir warten...."

Soviel zur sachlichen 'Unterfütterung' der Qualitätsforderung in der 'klassischen Epoche' professioneller Tontechnik in D.

W24, der Anherr deines W44:
Nachdem der W24 keine Kohleschichtbahn besitzt, kann sich der Staub auch nicht auf selbiger ablagern. Er fällt durch und bleibt unten im Gehäuse liegen, das man von Zeit zu Zeit (z. B. anlässlich der unbedingt nötigen Nachfettung der Kontakte) öffnet und ausbläst. Der Steller steckt über sechs Bananensteckerstifte in seiner Fassung (nebst Schirmgehäuse), aus der er recht leicht zu ziehen ist.

Der Potentiometerschleifer sitzt auf einem 22 cm langen Arm, der einen Kreisbogen um eine Achse schlägt, die in die Steckstiftplatte an der Unterseite der Gesamtkonstruktion eingelassen ist. Der 'Schiebeknopf' läuft also nicht horizontal, sondern entlang jenes Kreisbogens. Vgl. die englische Praxis; der Ort maximaler Dämpfung aber liegt kontinentalen Gepflogenheiten entsprechend dem Bediener zugewandt.
Die Dämpfungsangabe der Skala erfolgt in Neper, der Regelweg beträgt ganz neuzeitlich 112 mm, ein Reglerendkontakt (1 x aus) ist vorhanden.

Bei Interesse könnte ich einmal die Digitalkamera auf einen meiner sechs W24a draufhalten. Ansonsten aber zeigt das VDT-Jubiläumsheftchen (nebst hörenswerter CD) "50 Jahre VDT" auf S. 63 den nachmaligen DGG-Kollegen Peter Burkowitz in sehr jugendlichen Jahren (und noch beim RIAS) an einem Mini-Pult mit W24 und links schräg darunter auf einem anderen Foto 1946/47 an einem RRG-V35 (mit Rundstellern!), der allerdings seinen Ruhm schon bei den olympischen Spielen 1936 büßen musste.
Hielt länger, der Kram, war aber auch nur mit der Stechkarre zu bewegen.

Braunbuch:
Ich besitze einige Schaltungen von braunbuchbeschriebenen Geräten der W-Reihe, die aber keineswegs nur Pegelsteller waren. Zudem gibt es darunter sowohl Schichtpots als auch geschaltete Pegelsteller (ihrerseits in verschiedenen Ausführungsformen). Eine Schaltung des W44 ist leider nicht in meinem Besitz.
Braunbuchschaltungen findet man im Net übrigens in schier endloser Reihe unter folgender Adresse, selbst wenn sehr alte Geräte (also RRG-Zeit) darin durchwegs fehlen. Da könnte mit dem Einen oder anderen dienen, darunter auch drei älteren, unterschiedlich vollständigen Geräteverzeichnissen:

http://audio.kubarth.com/rundfunk/index.cgi

Auch hier ist etwas (sehr gute Reproduktionen):

http://www.irt.de/IRT/publikationen/braunbuch.htm


V7X:
Dass auch Großmischanlagen in Röhren-V7X-Technik angelegt wurden, muss man sich eigens klarmachen, denn die Masse solcher Tische erreichte ja schnell die Dimension eines veritablen PKWs (und mehr!). Da die Filter in beispielhafter Umständlichkeit und qualitativer Fragwürdigkeit passiv zwischen Trenn- und Aufholverstärker eingebaut waren, setzte das Geräuschspannungsabstand und Aussteuerbarkeit negativ unter Druck, weshalb man eigentlich nur dankbar dafür sein kann, dass diese Tage hinter uns liegen, selbst wenn beispielsweise die Mikrofonverstärker der RRG-Zeit denjenigen unserer Tage bezüglich Betriebsdynamik und Geräuschspannungsabstand kaum nachstanden. Kunststück, wenn man bereits dem thermischen Rauschen eines Widerstandes nahekam.
Ansonsten war diese Einschubtechnik wegen der Unzuverlässigkeit der Röhrentechnik und des gedrängten Aufbaues über Steckfelder verkabelt, die es dem Toningenieur leicht machten, all das aus dem Übertragungsweg zu nehmen, was man nicht brauchte, Ersatz für einen nicht funktionierenden Einschub aus anderen Gestellen 'zu holen' u. ä.. Dass Großanlagen selbst im Winter Saunatemperaturen für die Nutzer bereitstellten, versteht sich von selbst. Der Sommer wurde dann eben erst recht tropisch.

Hans-Joachim